Auguste Poulet-Malassis

Auguste Poulet-Malassis über ein Treffen mit Daumier

14. Januar 1852. Baudelaire führt mich zu Daumier am Quai d′Anjou, in der Nähe des Hôtel Lambert. Wir treffen ihn in seinem sehr schlichten Atelier, dem Atelier eines Künstlers, der auf das Publikum keine Rücksicht zu nehmen braucht. Man sieht dort nur nützliche oder geliebte Dinge. Zwei Lithographien nach Delacroix, zwei nach Préault, einige Medaillons von David [d′Angers], eine Landschaft von einem Unbekannten. Ich werde empfangen wie ein alter Freund, für den man sich nicht eigens zu erheben braucht. Daumier ist in Eile. Er erledigt eine Lithographie für den Charivari. Baudelaire meint, er habe sie schon einmal gemacht. Daumier sagt nicht Nein, er besitzt genug Originalität, um vor Selbstwiederholung gefeit zu sein. Auf der Staffelei steht eine Skizze zu einem Martyrium. Ich: Werden Sie auf dem Salon ein Ölbild zeigen? Er: Ich habe keine Ahnung. Ich lege keinen Wert darauf. Ich: Sie haben keine Zeit zu verlieren. Er: Ich fange alles fünfundzwanzig Mal von neuem an. Am Ende mache ich alles in zwei Tagen. Wir sprechen über die Journalisten und ihre Aufregungen. Daumiers Gesichtszüge sind gewöhnlich, dennoch ist ihr Ausdruck fein und edel. Dabei ist sein Gesicht weich und scheint so wandelbar wie das eines Schauspielers. […] Er macht auch Skulpturen. An den Wänden des Ateliers bemerke ich etwas wie ein großes Bacchanal in Wachs. Verschiedene Skizzen. Eine Magdalena, eine Wäscherin, die bei starkem Wind ein kleines Mädchen am Quai hinter sich herschleppt, eine Skizze von so traurigem Ausdruck, dass man meinen sollte, das ungeheure Wäschepaket unter ihrem Arm sei für das Pfandhaus bestimmt. Viele Leinwände sind gegen die Wand gedreht, das wird für ein andermal sein. Nichts anderes als ich gesehen habe. Keine Versuche in anderer Richtung als [zwei Wörter unentziffert]. Es ist immer, wie Baudelaire sagt, das System der Phantasiezeichnung.

Aufzeichnung von Auguste Poulet-Malassis, Service d’études et de documentation des Peintures du musée du Louvre, fonds Moreau-Nélaton (erstmals wiedergegeben in: Adhémar 1954, S. 44 f.; vollständiger in AK 1999, S. 554)