Das ministerielle Irrenhaus

Irrenhaus

Originaltext: Le Charenton Ministériel. Différentes monomanies des aliénés politiques. Übersetzung: Das ministerielle Irrenhaus. Verschiedene Besessenheiten geistesgestörter Politiker.

Foto: Sonja Rothweiler, Düsseldorf

Detailansichten

 

Dieses Blatt erschien in LA CARICATURE (Journal) N° 83/ Pl. 166/167. Charenton war ein kleiner Ort ausserhalb von Paris, welcher für geistig Kranke reserviert war.

In diesem außergewöhnlichen Blatt sind folgende Politiker mit Spitznamen dargestellt:

SOUL (Synonym für Völlerei, betrunken) murmelt Gebete
PÈRE-SCIE (Vater-Säge aufgrund seiner Stimmlage) kontrollierte die Guillotine.
BARTH (Justizminister Barthe) misst die Gerechtigkeit mit der Geldwaage
D’ARGO (D’Argout) vergnügt sich mit der Zensur
SÉBASTI…(Sébastiani) spielt mit der Nationalität der Völker
DUPIN wird als Schwätzer dargestellt
THIERS Der Sohn eines Bäckers, der zum General der Apotheker wird
LOBAU Der Ratspräsident als Irrer
PERIER Die Freude des Händedrückens…
LOUIS-PHILIPPE Manisch Trickreicher
LAMETH Freiheitsnarr und religiöser Irrer
ABBÉ LOUIS. Betet vor einem Metallgott
GIRANDELIN meint, er wäre ein geschickter Spieler mit der Kugel
GUIZ (Guizot) als Prediger in der Wüste.
MONTALIVET mit dem grossen Spielpferd
KERATRY (oberhalb von Thiers)

THIERS, Marie Joseph Louis Adolphe (1797-1877) war Historiker, Staatsmann und Präsident Frankreichs. Er kam 1820 als Anwalt nach Paris und gründete 1830 die Zeitschrift „Le National“. Er wurde Staatsrat und Staatssekretär für Finanzen, Innenminister 1832, Mitglied der Académie Française. In 1835 wurde er erneut Innenminister und war an den Reparations-Verhandlungen mit Amerika beteiligt. 1840 wurde er Aussenminister und Ministerratspräsident. 1848 unterstützte er die Kandidatur von Louis-Napoléon und opponierte gegen das allgemeine Wahlrecht von 1850. Unter ihm erfolgte die Einführung der neuen Pressegesetze vom Juli 1850. Ein Jahr später wurde er aus Frankreich ausgewiesen, kehrte in 1852 zurück und wurde Abgeordneter des Distrikts Seine, was er bis 1863 blieb. Wiederwahl in die provisorische Regierung und Kampf gegen die Pariser Kommune 1871. Staatspräsident 1871 und Ende seiner politischen Karriere 1873 nach seiner Wahlniederlage (wobei er trotzdem noch im Hintergrund politisch tätig geblieben ist).

D’ARGOUT, Antoine-Maurice-Apollinaire, Comte (1782-1858) war wegen seiner grossen Nase ein beliebtes Opfer der Karikaturisten. In seine Zeit als Innenminister fielen die Seidenweber-Aufstände in Lyon, für deren brutale Niederschlagung er verantwortlich war. Da d’Argout zu Sprachschnitzern neigte, findet sich in seinem von Daumier entworfenen Wappen eine Eselsmütze, Synonym für Dummheit. Die Schere im Wappen steht für seine Arbeit als Theater-Zensor.

Anfänglich unterstützte D’Argout Louis XVIII im Jahre 1814 und wurde zum Staatsrat ernannt. Später liierte er sich mit dessen Nachfolger Charles X und dann wiederum mit Louis-Philippe, unter dem er zum Marineminister ernannt wurde. Im Jahre 1831 wurde er Handelsminister, Minister für öffentliche Arbeiten und Kulturminister. Von 1832 bis 1834 fungierte er als Innenminister und übernahm nach 2 Jahren als Gouverneur der Nationalbank 1836 das Finanzministerium. 1852 eine erneute Kehrtwendung: er engagierte sich mit dem neuen Kaiserreich. Er wurde zum Senator und Gouverneur der Bank von Frankreich auf Lebenszeit ernannt.

BARTHE, Félix (1795-1863) war Justizminister unter Louis-Philippe. Nachdem er stark schielte, wurde er von den Karikaturisten seiner Zeit gerne als Justitia mit verbundenen Augen dargestellt. Darüber hinaus stellte er die Idealfigur des monarchistischen Politikers für die republikanische Presse dar: er hatte ein falsches Lächeln, schlechtes Benehmen und ein arrogantes Gesicht…. mit anderen Worten, es war Barthe. Er war Generalstaatsanwalt im Jahr 1830 und Abgeordneter von Paris. Weiterhin arbeitete er als Unterrichts-Minister und als Präsident des Rechnungshofes. Als Justizminister unterstützte er die Gesetze gegen Pressefreiheit und wurde 1852 zum Senator ernannt.

SEBASTIANI, Comte Horace-François (1772-1852). In jüngeren Jahren war Sébastiani ein gut aussehender Mann und bekannt als der Don Juan des Reiches. Daumier zeigte ihn in seiner Darstellung aus dem Jahre 1833 als älteren Mann, dessen beste Jahre bereits vorbei sind. Laut Beurteilung des Charivari ist die einzige Qualität, die ihm noch verblieben ist, seine masslose Selbsteinschätzung. Als Anhänger von Napoleon Bonaparte wurde er des Landes verwiesen, kehrte aber im Rahmen der Restauration nach 1816 nach Frankreich zurück. Aufgrund seiner Vergangenheit erhielt er allerdings nur die Hälfte des ihm zustehenden Beamtengehaltes. Im Laufe seine Lebens nahm er eine Reihe wichtiger Positionen ein: Abgeordneter für Korsika, Marineminister (1830), Botschafter in England (1835), Marschall von Frankreich (1840) und General der Landstreitkräfte (1848). Im Anschluss an die Ermordung seiner Tochter zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Sie war im Jahre 1847 von ihrem Mann, dem Duc de Choiseul-Praslin, der eine Affäre mit dem Babysitter der Familie hatte, umgebracht worden.

GIROD DE L’AIN, Louis Gaspard Amédée, Baron (1781-1847) Staatsanwalt und Berater des Hofes bis 1819. Polizeipräfekt im Jahre 1830, Unterrichtsminister 1832, und einer der berüchtigten April Ankläger. Präsident des Staatsrates 1832.

GUIZOT, François Pierre Guillaume (1787-1874) war Philosoph, Historiker und Unterrichtsminister. Als calvinistischer Protestant wurde er im Anschluss an seinen Aufenthalt in Genf Historiker und Schriftsteller (er übersetze „Aufstieg und Fall des Römischen Reichs“). Im Jahr 1812 wurde er an der Pariser Sorbonne zum Professor ernannt, 1830 bis 1848 war er Abgeordneter und bekleidete gleichzeitige mehrere Ministerposten. Als liberaler Politiker war er ausschlaggebend für die Einführung des öffentlichen Schulwesens in Frankreich. In der Öffentlichkeit war er wegen seiner protestantischen strikten Einstellung unbeliebt.

KERATRY, Auguste Hilarion, Comte de (1769-1859) war Schriftsteller und liberaler Politiker unter der Restauration, späterer rechtsgerichteter Abgeordneter von 1818-1837. 1830 erfolgte die Ernennung zum Staatsrat, 1837 erhielt er das Adelsprädikat. De Kératry wurde häufig von Karikaturisten dargestellt. Neben seinen politischen Ambitionen war er auch als Schriftsteller tätig und publizierte mehrere Werke. Sehen Sie hier die erste Seite des Kapitels „Du beau absolu“ aus seinem Werk „Du beau dans les arts“ (1822). Aufgrund dieser Erfahrungen wurde er in die Überwachungskommission der königlichen Theater gewählt. Nachdem er von seinen Zeitgenossen als „gutaussehend“ eingestuft wurde, hat Daumier ihn als eleganten Dandy in seiner Lithographie wiedergeben. Er schuf auch eine Skulptur von de Kératry, die in Gobin Nr. 4 mit dem Titel “L’Obséquieux” beschrieben ist.

LAHITTE, Jean Ernest DU COS, Comte de (1789-1878) war Politiker und Abgeordneter sowie Aussenminister und nahm als Offizier an den Algerien Einsätzen teil. Unter Louis-Napoléon war er erneut Aussenminister und ab 1852 Senator.

CHARLES de LAMETH . Man würde ihn heute als Wendehals bezeichnen, der sich jeder politischen Meinungsänderung anzupassen vermochte. Entsprechend zeichnete Daumier sein Wappen mit verschiedenen politischen Symbolen wie Mütze, Lilie, Kreuz und Birne. Dieses ist das erste einer Serie von fünf Blättern, die alle auf vorher produzierten Tonskulpturen basierten. Während des Ancien Regime, nahm LAMETH An der amerikanischen Revolution teil und wurde in Yorktown zweimal verwundet. Nach seiner Rückkehr und unter Einfluss seines amerikanischen Aufenthaltes trat er für die Abschaffung der Adels-Privilegien ein und musste 1792 das Land verlassen. Unter der Juli Monarchie und der Restauration übernahm er mehrere politische Positionen.

LOBAU, Georges Mouton, Conte de (1770-1838) nahm als General an den Napoleonischen Kriegen teil, wurde 1809 geadelt und kehrte nach englischer Gefangenschaft im Jahr 1818 nach Frankreich zurück. Er war Politiker und Abgeordneter von 1828 bis 1833, sowie General der Nationalgarde. Im Mai 1831 löste er Bonapartistische Manifestationen auf der Place Vendôme mit Feuerwehrschläuchen auf, was ihm den Spitznamen „Prince de tricanule“ und „Seringot“ eintrug.

LOUIS, Joseph Dominique, Baron (1755-1837) war Priester. Er emigrierte 1791 und kam 1811 als Staatsrat nach Frankreich zurück 1814 wurde er Finanzminister. Unter LOUIS XVIII hielt er diese Position bis 1819 und wurde erneut Finanzminister von 1830 bis 1832.

MONTALIVET, Marthe Camille Bachasson, Conte de (1801-1880) war von Beruf Strassen- und Brückenbau-Ingenieur. Als Politiker war er ein enger Verbündeter Louis-Philippe’s. Unter ihm wurde er zum Innenminister ernannt (1830-1832), sowie zum Kultusminister 1831. Er war mitverantwortlich für die Schaffung des Musée de Versailles. 1837 bis 1839 war er Innenminister und amtierte als Richter an den berüchtigten April-Prozessen. 1879 erfolgte die Ernennung zum Senator.

LOUIS-PHILIPPE I (1773-1850), Sohn von Philippe-Egalité. Er war Duc de Chartres und später Duc d’Orléans, und hielt sich von 1796 bis 1799 in Amerika auf. Anschließend kehrte er nach einem Aufenthalt in England 1817 nach Frankreich zurück, wo er sich mit Louis XVIII versöhnte. Er wurde Generalleutnant des Reiches im Juli 1830 und am 9. August 1830 zum König der Franzosen ernannt. Bereits 1831 erste Interventionen in Spanien und Einschränkung der Pressefreiheit. 1833 machte er den Vorschlag, Paris mit einer Festungsmauer zu umgeben. 1834 Massaker in der Rue Transnonain, Börsenspekulationen und Brand des Gefängnisses von Mont-Saint-Michel. Es folgten die Reklamationsforderungen der Amerikaner für Schäden während der Seeblockade unter Napoleon. 1835 Tod von Lafayette und Prozess gegen die Teilnehmer der Aprilaufstände. 1848 Exil in England, wo er 1850 starb.

PERIER, Casimir Pierre (1777-1832) war Bankier und Abgeordneter unter Napoleon I. Er wurde zum Innenminister unter Louis-Philippe ernannt. Das Motto seiner Partei war das „Juste milieu“. Er verfolgte mit Erfolg die Herausgeber republikanischer Zeitungen, verhaftete republikanische Anführer wegen Unruhestiftung, verurteilte andere wegen Volksverhetzung. Durch seine Aufmerksamkeit wurde am Tag der Bastille, 14. Juli 1831, ein Wiederaufflammen der Unruhen, ebenso an den Jahrestagen der Juli Revolution (27.-30. Juli). Sein Ministerium war effizient und erfolgreich, ausser natürlich bei den Republikanern. Er starb an der Cholera-Epidemie des Jahres 1832.

PERSIL, Jean Charles (1785-1870) Anwalt, Politiker und Abgeordneter von 1830 bis 1839. Im Jahr 1834 erfolgte die Ernennung zum Generalstaatsanwalt und Justizminister. Er war an der Niederschlagung der berüchtigten April-Aufstände im Jahre 1834 in Lyon und Paris beteiligt. Persil war ein Gegner der Pressefreiheit und nahm am Prozess der April-Angeklagten teil. 1848 wurde er Direktor der staatlichen Münzanstalt und 1864 wurde er zum Senator ernannt. Er war Urgrossvater von Dunoyer de Segonzac.

SEBASTIANI, Horace-François, Comte (1772-1852) Als junger Mann war er dank seinem gefälligen Aussehen bekannt als « Don Juan des Kaiserreichs“. Daumier stellte ihn 1833 als älteren Mann dar, dessen beste Jahre bereits hinter ihm liegen. Der „Charivari“ kommentierte, seine einzige Qualität sei sein übergroßes Selbstbewusstsein. Er unterstützte Napoleon, wurde ins Exil geschickt und kam während der Restauration im Jahr 1816 wieder nach Frankreich zurück, bekam aber aufgrund seiner Vergangenheit nur die Hälfte des ihm zustehenden Gehaltes. Er war Abgeordneter von Korsika, Marineminister in 1830, Botschafter in England 1835, Marschall 1840 und General in 1848. Danach zog er sich infolge eines Skandals in seiner Familie aus dem öffentlichen Leben zurück: Seine Tochter wurde von ihrem Ehemann, dem Herzog von Choiseul-Praslin, der eine Affäre mit dem Kindermädchen hatte, umgebracht.

SOULT, Nicolas Jean de Dieu (1769-1851), Kriegsminister und Ministerpräsident, Herzog von Dalmatien und Marschall unter Napoléon I. Sein Wappen enthielt das Kreuz (Kirchenverbindung), die Kokarde (Revolutionäre Aktivitäten), den Hut ( Napoléon) und die Lilie (Bourbonenkönige). In allen Regierungen gelang es Soult, politisch bedeutende Positionen einzunehmen.
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