Robert Macaire

Prototyp des skrupellosen Emporkömmlings

Das Frankreich des 19. Jahrhunderts ist ein höllisches Paradies für Karikaturisten. Die Revolutionen von 1830 und 1848, die Zerschlagung der zweiten Republik durch Napoleon III., die Niederlage gegen Deutschland 1870, die Dritte Republik und die Pariser Kommune. Und immer wieder wirft die Zensur der Presse Knüppel zwischen die Beine. Als Karikaturist wird Daumier praktisch über Nacht ein Star, vom Volk geliebt, von der jeweiligen Obrigkeit gehasst. Ihn treibt sein unbeugsamer humanistischer Idealismus. Er kämpft gegen Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Zielscheibe seines Spotts sind Klerus, Politik, Justiz und „das groteske Treiben der Welt“. Er kämpft für die Republik und um sein tägliches Brot.

Daumier wird zum Medienmann der ersten Stunde – ein Tagelöhner der Presse. Dabei greift er raffiniert in die mediale Trickkiste: Für seine Serien entwirft er markante Typen, die – obwohl frei erfunden – jedermann erkennt. Auch das ist ein Winkelzug, um der Zensur ein Schnippchen zu schlagen.

Da ist zum Beispiel die Figur des „Robert Macaire“, der Prototyp des skrupellosen Emporkömmlings zur Zeit der Julimonarchie. Daumier stellt die vielfältigen Machenschaften dieser Schmarotzerschicht bloß, die Menschen auf eine brutale und kriminelle Weise betrügt. Und er macht deutlich, dass der betrügende Bürger letztlich nichts anderes ist als ein Appendix des Staates, der seinerseits ebenfalls das arbeitende Volk ausnimmt.

Messieurs et Dames ! (1836)

Messieurs et Dames ! (1836)

Robert-Macaire Jevant ses juves.

Robert-Macaire Jevant ses juves.

Robert Macaire als Rechtsanwalt. (1836)

Robert Macaire als Rechtsanwalt. (1836)

Robert Macaire philantrope.

Robert Macaire philantrope.

Fotos: Achim Kukulis, Düsseldorf

Text: Auszug aus der Komödie „Robert Macaire“ (1833) von Maurice Alhoy, Benjamin Roubaud, Saint-Amant, Frédérick-Lemaître: Robert Macaire; 3. Akt

1. Akt, Viertes Bild, 6. Szene

MACAIRE, BERTRAND, EIN DIENER, später DIE AKTIONÄRE

DER DIENER: Die Herren Aktionäre!
MACAIRE: Lassen Sie eintreten.
BERTRAND: Was wirst du ihnen sagen? …
MACAIRE: Willkommen, meine Herren. (Sie nehmen Platz.) Bitte neh­men Sie Platz. Ver­tei­len Sie un­ter die­se Her­ren das Pros­pekt un­se­rer Leis­tungen, ich habe es litho­gra­phisch ver­viel­fältigen lassen…
Gut! (Schüttelt die Glocke.) Meine Herren, in einer Zeit, da die schlimmen Leiden­schaften wie ei­ne Sturm­flut über unsere ge­sell­schaft­liche Ord­nung ein­brechen, in einem Jahr­hun­dert, da ein je­der ver­sucht, unbe­merkt die Hand in die Tasche seines Nach­barn zu stecken, darf eine Ver­eini­gung gegen Dieb­stahl als ein eben­so groß­her­ziger wie gemein­nüt­ziger Ge­danke gel­ten. Mir gebührt die Ehre, ihn er­sonnen zu haben; Ihnen je­doch, meine Herren, die, ihm mit Hilfe Ih­res Kapi­tals und Ih­rer Un­ter­stüt­zung zu Erträ­gen ver­holfen zu haben. Ein solches Un­ter­nehmen mußte pros­pe­rieren und es hat pros­pe­riert. Die Ergeb­nisse könnten nicht befrie­di­gender sein. Geben Sie sich nur die Mü­he, ei­nen Blick auf die Ar­beit zu wer­fen, die in Ih­ren Händen liegt…
MONSIEUR GOGO: Ich warte auf die Divi­dende!
DIE AKTIONÄRE: Nein, nein! (Tumult.)
MACAIRE:  Meine Herren, Monsieur Gogo hat voll­kommen Recht, und es ist meine Ab­sicht, sie binnen kur­zem zu ver­teilen… Doch ich darf Ih­nen nicht ver­schwei­gen, daß die Ri­si­ken zu­nehmen…, daß die Dieb­stähle häu­fi­ger wer­den… die Po­li­zei nimmt nicht alle Diebe fest, mei­ne Her­ren; ich mache ihr da­raus kei­nen Vor­wurf; darum habe ich im In­te­resse der Ge­sell­schaft ein Pro­jekt erdacht, das we­sent­lich mit un­se­rer Ver­siche­rung ge­gen Dieb­stahl zu­sammen­hängt… Ich bin in Ver­hand­lungen mit der Re­gie­rung, um die Lei­tung der kö­nig­lichen Po­li­zei zu er­halten…. Ich biete eine Er­spar­nis von zehn Milli­onen.
ALLE: Zehn Millionen!
MACAIRE: Wir stehen mit unseren Geldern für alle Dieb­stähle ein, die nie­mand mehr als wir zu unter­drücken inte­ressiert ist.
ALLE: Gut! Gut!
MACAIRE:  Ich warte auf eine Au­dienz beim Mi­nis­ter, bei dem ich, ich wage es zu be­haup­ten, in hoher Gunst stehe; und ich habe alle Ur­sache zu glau­ben, daß ich in kur­zem, wie ich so­eben die Ehre hatte an­zu­deuten, zum Gene­ral­direktor der Po­li­zei des Kö­nig­reichs Frank­reich… und Navarra er­nannt werde.
BERTRAND: Was für eine bewundernswerte, gigantische Aufgabe!
MACAIRE:  Und für die­se Auf­gabe wird mir ein Fonds von fünf Milli­onen zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den… Mit Recht ste­hen die luk­ra­tivs­ten Stel­len den ers­ten Aktio­nä­ren zu… das ist nur Recht… Mei­ne Herren, er­war­te ich zu­viel von Ih­nen, wenn ich an­nehme, daß Sie die ers­ten sein wer­den…
ALLE: Ja! Bravo! Gut!
M. GOGO:  Einen Moment! Bevor neues Ka­pi­tal ein­ge­setzt wird; denn Sie be­mer­ken wohl, mei­ne Her­ren, daß es sich um neues Ka­pi­tal handelt…
BERTRAND: Aber nein, es handelt sich um ein neues Un­ter­nehmen…
MACAIRE:  Monsieur Gogo, wie kin­disch Sie sind! Die Sache ver­steht sich von selbst… sie steht klar vor aller Au­gen da; und nur Bös­willig­keit kann uns Knüppel zwischen die Bei­ne werfen…
M. GOGO: Ich will nicht Knüppel zwi­schen die Bei­ne werfen, son­dern Ge­win­ne in mei­ne Tasche stecken…
BERTRAND: Das ist ein Geldmensch! (Alle erheben sich.)
M. GOGO: Ja – Geld, Gold! Wie Sie wollen.
BERTRAND: Wie! Es sollte dem erst­bes­ten In­di­vi­du­um ge­stat­tet sein, un­be­dach­te, unüber­legte Vor­schläge zu machen! (Tumult.)

MACAIRE:  Das ist gegen den ge­sun­den Men­schen­ver­stand; meine Herren, mein ganzes Leben, alle meine Hand­lungen sind tadel­frei; ich schrecke vor kei­ner Nach­for­schung zu­rück. Reden Sie Mon­sieur Gogo! Äußern Sie sich!
M. GOGO: Ich verlange, daß auf der Stelle die Dividende aus dem Ge­winn aus­ge­zahlt werde.
BERTRAND: Absurd!
MACAIRE: Ach, mein Herr, das ver­ste­hen Sie unter Ge­schäften?
M. GOGO: Freilich!
BERTRAND: O mein Gott! Dem Herrn Direktor ist unwohl! (Man umringt Macaire.)
MACAIRE:  Nein! Es ist nur die Er­re­gung an­ge­sichts so nie­der­trächtig kal­ku­lierter Unter­stel­lungen… doch ein schon von sich aus rei­cher Mann, der ge­rade heu­te eine rei­che Er­bin hei­raten und sein Ver­mö­gen ver­drei­fachen wird, steht über den Unter­stel­lungen eines Herrn Gogo.
BERTRAND: Er ist im Solde unserer Feinde!
ALLE: Hinaus! Hinaus! (Gogo wird hinaus­geworfen.)
EIN DIENER (im Hintergrund):   Da kommen die Tam­bours der Natio­nal­garde und die Damen der Hal­len, um Herrn Di­rektor zu sei­ner Hoch­zeit zu be­glück­wün­schen und ihm Blumen­sträuße zu über­reichen.
MACAIRE: Laßt Gold un­ter sie ver­teilen! (Schüttelt sei­ne Glocke.) Meine Herren, in acht Ta­gen neh­men wir die Dis­kus­sion an dem Punkt wie­der auf, an dem wir sie un­ter­bro­chen haben; ich freue mich über un­ser, von Klei­nig­kei­ten ab­ge­sehen, voll­kom­menes Ein­ver­ständ­nis… Ich zäh­le auf Sie für heu­te a­bend, und mor­gen früh wird die Kasse ge­öf­fnet sein…
DIE AKTIONÄRE: Ah! ah! Um auszuzahlen?.…
MACAIRE: Um das neue Aktienkapital zu empfangen. Die Sitzung ist aufgehoben. (Alle ab.)

7. Szene

MACAIRE, BERTRAND

BERTRAND: Ah, endlich…
MACAIRE: Sag einmal… was für ein Spitz­bube, dieser Herr Gogo!…
BERTRAND:  So sehr Spitzbube, daß ich ei­nen Mo­ment… – jeden­falls, ob Freund o­der Feid, alle herein­ge­legt, alle! Du kannst auf dein Köpf­chen stolz sein…
MACAIRE:Bertrand, ich bin mit Ihnen zu­frieden! Und wenn Sie in den Au­gen der Welt Für mei­nen Die­ner gelten, im ver­trau­ten Kreis sind und blei­ben Sie für im­mer mein bes­ter Freund. […]
BERTRAND: Ich fürchte nur eines: er­kannt zu werden…
MACAIRE:  Klein­lauter Mensch! … Nur Mut, nur Fassung! … Hättest du denn ge­glaubt, als ich im Wald dem Ba­ron von Worm­spire be­geg­nete, daß ich da­zu aus­er­sehen sein soll­te, dem Witwen­stand der schö­nen Eloa ein En­de zu machen?
BERTRAND: Ach übrigens – und deine Frau?
MACAIRE: Sie ist tot.
BERTRAND: Aber bist du sicher?
MACAIRE:  Sie muß tot sein… im übri­gen konnte ich sie nicht bes­ser er­set­zen als durch eine schö­ne Gene­rals­tochter und Wit­we ei­nes Pairs von Frank­reich. – Aber ist alles vor­be­rei­tet, die Kron­leuch­ter, der Salon?
BERTRAND: Seien Sie ganz be­ruhigt, Herr Direktor…
MACAIRE: Also Bertrand, ich muß im­mer la­chen, wenn ich an die­sen ehr­ba­ren Trot­tel, den Ba­ron denke.
BERTRAND: (lacht) Ha ha ha!
MACAIRE: (geht träl­lernd in die Wohnung)
BERTRAND: (allein) Seltener Mann! Wäre ich nicht dein Die­ner, ich würde dich immer als Herrn und Meis­ter an­er­kennen…

 Übersetzung: Claude Keisch